Winterzeit ist Stoutzeit. Oder Starkbierzeit. Oder Gewürzzeit. Oder Genusszeit (Schrieb er, während er diesen Beitrag im Sommer finalisierte). Wie man die (dieses Jahr erstaunlich kalte) Jahreszeit auch in Zusammenhang mit Kulinarik bringen will, wir kommen alle ungefähr auf den gleichen Nenner. Natürlich beschränkt sich das nicht nur auf die kalte Jahreszeit, aber der Großteil findet dann doch vor allem genau dann an solchen Bieren Gefallen, wenn die Sonne nicht ausreichend stark ist, um direkt den Hammer zu spielen.
Darum stellte der Releasezeitpunkt unseres Imperial Pastry Stouts I’ve seen so much I’m blind again hier auch keine Ausnahme dar (Mitte November 2025)
Verwendete Adjuncts: Laktose, Kakao, Vanille, Kirschpüree, Kirschsaftkonzentrat
Optik und Rezenz: Schwarzbraun mit manchmal leichtem Rotstich, seichter Kohlensäuregehalt, vollmundig, leicht ölig
Aroma: Kakao, Vanille, Vanille, Vanille, Röstaromen, etwas Kirschlolli
Geschmack: Angenehme Süße, schokoladige Röstaromen mit leichtem Zart-Bitter-Eindruck, retronasal leicht fruchtig
Die Einzelhändler weinen und ihr Genusstrinker habt den Namen des Bieres vermutlich noch nie bis zum Ende ausgesprochen und doch kommen wir mal wieder mit einem Biernamen daher, der jeden SEO-Keywordmanager verzweifeln lässt. Aber warum?
Weil wir (Bier)-Künstler sind und das Produkt als Ganzes zum Nachdenken anregen soll. Der Name passt allein deswegen schon mal zu genau diesem Bier, weil man sich Gedanken macht (oder vielleicht sogar machen will), was es mit diesem Namen auf sich hat. Und genau das gilt ja auch für dieses Imperial Stout. Ein Bier, für das man sich zeit lässt und mit der Nase und dem Mund “zuhört”.
Zugegeben, der Name dieses Bieres enstammt nicht unserer Feder. Vielmehr ist es eine Zeile aus einem Lied. Abermals (Siehe IPAs =CHIT) haben wir uns den Zeilen eines Slipknot-Lieds bedient. Für alle Neugierigen: Das Lied hört auf den Namen Circle.
Was der Künstler uns damit sagen wollte? Keine Ahnung! Wir können nur sagen, was wir an diesem Satz gefunden haben. Und dieser passt irgendwie in diese ganze, moderne Bierbewegung. Zumindest aus unserer Sicht.
Für uns beschreibt das biertechnisch gesehen den Struggle, diesem sich sehr schnell drehenden Karussel folgen zu können. Wir sind mit Liquid Story 2021 mit einer bestimmten Idee an den Start gegangen: Den Leuten unsere Ideen und unsere Kreativität ins Glas zaubern zu wollen. Wir wollten die Leute mit bestimmten Konzepten, Kniffen und Aromakompositionen auf eine neuen Pfad der Genusskultur bringen und Horizonte erweiten. Das ist uns auch gelungen! Man denke nur direkt mit First Steps an unser erstes Bier. Ein Double IPA, welches unter anderem mit einer neuseeländischen Weißweinhefe vergoren wurde und metabolische Eigenschaften besitzt, die aromentechnisch die normalen Bierhefen damit übertrifft. Es folgten viele weitere, sehr besondere Biere von uns. In einem kurzem Auszug seien erwähnt:
Und trotzdem wirkt man selbst manchmal pfadlos und ohne richtige Orientierung. Zum einen, weil diese moderne Bierbewegung mittlerweile (fast) jede erdenkliche Zutat in Bier verwurstet hat. Wo man hier die Grenze ziehen mag, kann sowieso keiner beurteilen. Wir schon gar nicht. Immerhin sind wir diejenigen mit dem “Mango-Knoblauch-Bier” (Braunschweiger Zeitung). Zum anderen hat sich diese ganze Bierszene nicht so entwickelt, wie man das selbst gedacht oder vielleicht erhofft hatte. Diese Bierbewegung wird mittlerweile dominiert von immer wieder neuaufgelegten, fast identischen New England IPAs und Smoothie Sours, teilweise mit (veganen Eispulvern) als Zutat. Die einzigen Unterscheidungsmerkmale bestehen fast ausschließlich nur noch in den verwendeten Hopfensorten oder Fruchtpürees. Biervielfalt ist zwar vorhanden, allerdings “nur” in Form von diesen beiden Bierstilen von “jeder” Brauerei.
Womit will man die Leute also abholen? Mit etwas schocken und gleichzeitig faszinieren ohne den Anschluss zu verlieren oder über das Ziel hinauszuschießen? Vor allem, wenn sich eine Tendenz in der Niche erkennen lässt: Es wird immer süßer und fruchtiger. Nicht ohne Grund hat das Sammelsurium der nerdigen Untappd-User von mir den Spitznamen Gummibärenbande erhalten. Bedeutet also sogar auf der anderen Seite, dass die Trends für uns teilweise schon über das Ziel hinausgeschossen sind. Wenn jedes Bier nur noch mit dem Eismatscher von nebenan konkurrieren kann und es keine andere Option mehr gibt, dann ist das nicht die Biervielfalt, die wir uns wünschen. Und damit kommen wir zu unserem I’ve seen so much I’m blind again. Das ist mal wieder eine Interpretation, wie wir sie haben wollen. Intensiv, süß, kakao- und vanillelastig. Aber eben auch nicht klebrig-süß und mit ausreichend Bittere als Rückgrat. Die Kirsche als Unterstützung zu den Röstaromen und nicht als Mittelpunkt. Und je mehr wir von unserem I’ve seen so much I’m blind again trinken, desto mehr sehen wir auch wieder. Natürlich nicht an dem gleichen Abend mehr. Aber konzeptionell. Wir sehen, dass wir unseren eigenen, richtigen Pfad beschreiten und die Dinge so angehen sollten, wie wir es möchten. Das schmecken wir und das schmeckt auch ihr.
